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Mobiler mit "Mobiler"

 
(HandelsZeitung, 27.06.2001)

Ein neues Transportsystem ermöglicht Gefahrenguttransporte über kurze Distanzen. Mit positiven Folgen für Umwelt und Sicherheit.

Ein Gefahrengut muss über eine (im internationalen Vergleich) relativ kurze Wegstrecke transportiert und dann an verschiedene Kunden verteilt werden. Keiner der Empfänger verfügt über ein Anschlussgleis. Und die üblichen Umladesysteme, wie ACTS, kommen nicht in Frage. Wohl ein hoffnungsloser Fall für einen Kombinierten Verkehr, so muss wohl das Resultat einer Analyse lauten. Nicht aber für Wolfgang Bermüller. Er erfand den "Mobiler". Und Chemoil Logistics AG in Basel hat das Konzept zusammen mit dem Transportunternehmer Indermühle den SBB in die Praxis umgesetzt. Jetzt werden jährlich 12000 Tonnen Flockungsmittel von Zurzach zu 200 Kunden in der Westschweiz auf einem überwiegenden Teil der Strecke auf der Schiene befördert. Mit guten Aussichten, dass es auch für viele weitere Umlagerungen von der Strasse auf die Schiene zum Tragen kommt. So, wie es die gängige Verkehrspolitik anstrebt.

In allen unseren häuslichen Abwässern ebenso wie in den Flüssigkeiten, welche sich in gewerblichen und industriellen Produktionen bilden, gibt es eine Unzahl an gelösten oder sehr fein verteilten Substanzen. Natürlich könnte man sie mit ungeheurem Energieaufwand vom Wasser trennen, indem man Letzteres verdampft. Eleganter geht es durch das Zusetzen von Eisen III Chlorid. Der unappetitlichen Suppe in Kläranlagen zugesetzt, ballen sich diese Substanzen zu Flocken zusammen, welche sich - der Schwerkraft folgend - am Boden der Klärbecken ansammeln. Bloss: Eisen III Chlorid gehört der Gefahrengutklasse 8 an. Und das Bruttogewicht bis zu 32 Tonnen ist für den ausdrehbaren ACTS-Verschieberahmen des Bahnwagens, auf welchen der Behälter vom Lastwagen gezogen wird, definitiv zu schwer. Folglich musste ein neues Verfahren gefunden werden, mit dem der 22,5 m3 fassende Tank mit dem Flockungsmittel vom Lastwagen auf den Bahnwagen und wieder zurück verschoben werden kann.

Minimale Umladekosten

Der Münchner Wolfgang Bermüller hat es konzipiert und bis zur Serienreife gebracht. "Mobiler" (im Sinne von Beweger und nicht als Steigerungsform von Mobil zu verstehen) heisst das ausgeklügelte Umladesystem, welches ohne jede stationäre Infrastruktur auskommt. Einzig ein zum Bahngleis paralleler Fahrweg von 3 m Breite ist erforderlich. Weil der Container bloss über den Verriegelungszapfen hinaus gehoben wird (durch Druck von unten, siehe Kasten), kann das Transportgut gefahrlos unter der Strom führenden Fahrleitung umgeladen werden. Die Kosten des Umlades mit dem "Mobiler" betragen einen Bruchteil von dem in einem Terminal mit Pneu- oder Portalkran.

Das Eisen III Chlorid wird durch die Firma Solvay in Zurzach hergestellt, wo der Umlad per "Mobiler" kürzlich live demonstriert wurde - wie anschliessend auch in München an der Fachmesse "transport logistic". Wichtig dabei: Ein Mann schafft den ganzen Ablauf für zwei Container mit Hilfe einer Handsteuerung in einer Viertelstunde. Die selbe Person genügt auch zum Abladen unter gleichzeitiger Ermittlung der gelieferten Menge. Zwar bedarf der handelsübliche Tragwagen der Bahn zusätzlicher Stahlplatten, auf welcher der Container verschoben werden kann, aber er ist weiterhin auch für den Transport konventioneller Kombi-Behälter einsetzbar. Für die Startphase wurden drei Tragwagen für je zwei Container aufgerüstet. Die sechs Spezialcontainer mussten eigens für diesen Einsatz beschafft werden. Das Strassenfahrzeug mit einem Bruttogewicht von 44 Tonnen wird der erste in der Schweiz verkehrende Fünfachser-Lastwagen sein. Er wurde mit einer Ausnahmebewilligung zugelassen. Die Investitionssumme betrug insgesamt rund 1,5 Mio Fr.

Ladekapazität voll ausgenutzt

Trotz diesem Aufwand rechnet sich das Ganze unter dem Zeichen der LSVA-Rückvergütung im Kombiverkehr und dank Einsparungen in der Logistik: Früher musste die Liefermenge für jeden Endkunden in den Behälter eines Mehrkammer-Lastwagens eingefüllt werden mit der Folge, dass diese häufig nur zum Teil gefüllt waren. Durch den Einsatz des in Zurzach immer voll beladenen 22,5-m3-Tankes wird die Ladekapazität voll ausgenutzt. Die Funktion des Logistikers hat die seit 1. September 1999 operierende, heute 16 Personen beschäftigende ChemOil Logistics AG übernommen. Sie ist eine gemeinsame Tochter der SBB Cargo AG (51%) und der zum VTG-Lehnkering-Konzern gehörenden Transpetrol GmbH (49%) mit Sitz in Basel. Seit Dezember 2000 ist sie nach ISO Norm 9002 zertifiziert. Nach dem geglückten Start des "Mobiler" sowie nach Umstellung des Auftragsmanagements will die ChemOil Logistics mit weiteren Kunden ins Geschäft kommen, deren Transportprobleme ähnlich gelagert sind.

So funktioniert der "Mobiler"

Äusserlich betrachtet ist der Umlade-Mechanismus unspektakulär: Er verbirgt sich in einer Art Nute, das heisst einer über die ganze Breite des Containerrahmens reichenden Aussparung, und kann sich selbst mittels zweier unabhängiger hydraulischer Pressenpaare den Containerrahmen vertikal anheben und horizontal verschieben. In Schritten von jeweils 25 cm wird der Container seitlich versetzt. Weil dabei auch der untere Gleitschuh mitgezogen wird, ergibt sich im Verlauf des Verschiebeprozesses eine Art "Brücke", über welche die Ladung verschoben wird.
(jva)




27. Juni 2001
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